21.06.2009

NetDoktor18.6.2009/C.Fux

Freie Radikale in homöopathischen Dosen

Fotoquelle: www.radikalfaenger.de
Freie Radikale greifen die Zellen an und beschleunigen das Altern. Doch auch in diesem Fall gilt: Die Dosis ist entscheidend. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass die gefürchteten Winzlinge in kleinen Mengen schützen statt schaden. Zuviel davon jedoch verursacht oxidativen Stress, welcher als eine der Hauptursachen für Alterungsprozesse gilt. Forscher von der University of California in San Diego wollen nun herausgefunden haben, dass ein bisschen oxidativer Stress sogar wichtig für den Körper sei.

Der Molekularbiologe Prof. Trey Ideker hat lebende Hefezellen im Labor gezielt Wasserstoffperoxid ausgesetzt - dem häufigsten freien Radikal im Körper. Das Ergebnis: Zellen, die zunächst nur mit kleinen Dosen der aggressiven Substanz traktiert wurden, überstanden anschließend eine geballte Ladung überraschend gut. Schlecht erging es hingegen Pilzzellen, die sofort die volle Dröhnung erhalten hatten. „Wenn die Dosis nicht zu hoch ist, lernen die Zellen, sich vor den freien Radikalen zu schützen“, erklärt der Wissenschaftler das Phänomen. „Das ist vergleichbar mit Hautzellen, die sich gegen Sonnenstrahlung schützen können, wenn sie Zeit für die Melaninproduktion haben.“ Einen Schutz vor oxidativem Stress hat der Körper aber bitter nötig. Denn er kann ihm kaum entkommen. Freie Radikale entstehen bei jedem Verbrennungsprozess in den Mitochondrien, den körpereigenen Energiekraftwerken. Den hochreaktiven Molekülen fehlen ein oder mehrere Elektronen, die sie von anderen chemischen Verbindungen aus der DNA oder den Zellwänden rauben - und das verursacht unentwegt Zellschäden.

Die körpereigenen Reparaturmechanismen können nicht jeden Schaden beheben, so die These, weshalb die Zahl der voll funktionsfähigen Zellen im Organismus mit fortschreitendem Alter abnimmt. Zusätzlich angekurbelt wird die Entstehung der freien Radikale durch Chemikalien, Strahlung und Zigarettenrauch – was das Altern erheblich beschleunigt. Mit der Erkenntnis, das Zellen sich an oxidativen Stress gewöhnen können, erscheint auch ein bislang paradoxes Phänomen in neuem Licht: Regelmäßiger Sport hält jung – obwohl die körperliche Ertüchtigung die Verbrennungsleistung in den Mitochondrien ankurbelt und so den oxidativen Stresspegel erhöht. Bisher erklärten sich Forscher diesen Widerspruch damit, dass der positive Effekt des schweißtreibenden Trainings die Kollateralschäden durch freie Radikale mehr als aufwiegt. Dank des Hefezellenexperiments kann man vermuten, dass maßvolles Training den Körper auch gegen oxidativen Stress abhärtet. Bei Hochleistungssport allerdings kippt womöglich die Balance – tatsächlich ist der auch nicht wirklich gesund. Möglicherweise die Folge einer zu hohen Dosis freier Radikale? „Freie Radikale funktionieren offenbar ganz einfach wie die meisten Gifte“, bringt der Wissenschaftler es auf den Punkt. „In geringen Dosen wirken sie stimulierend, erst in höheren richten sie Schaden an“, resümiert der Wissenschaftler. (Quelle: NetDoktor18.6.2009/C.Fux)